Buchtipp: „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler

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Am Indiebookday am letzten Samstag habe ich mir bei der großartigen Buchhandlung Literatur Moths am Münchner Isartor die Büchergilde-Ausgabe von Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“ gegönnt. Zugegeben: Der Quartalskauf war fällig, kein anderes Buch hat mich angesprochen und nachdem ich dann abermals gehört habe, wie viele Leser es schon begeistert hat, habe ich es trotz des mich nicht ansprechenden Klappentextes mitgenommen. Und ich bin mehr als glücklich darüber. Nicht nur ist die Ausgabe in meinen Augen schöner als die Originalausgabe (Sorry Hanser Verlag!), der Inhalt ist auch mehr als lesenswert.

„Ein ganzes Leben“ erzählt von genau ebendem – einem ganzen Leben. Der Leser begleitet Andreas Egger von seiner Kindheit bis ins Alter durch die 79 Jahre seines Lebens. Höhen und Tiefen, Hochzeit und Kriegsgeschehen werden durchlebt und aus Sicht des einfach gestrickten, aber fleißigen Egges dargestellt. Mit viel Liebe zu den Bergen, zur ehrlichen Arbeit und vor allem zu Marie beschreitet er sein Leben, schlägt sich durch und beugt sich seinem Schicksal.

Seethaler hat einen Roman geschrieben, der sich nicht durch eine Handlung voller Highlight auszeichnet, sondern der vor allem von seiner Sprache lebt. Seethaler legt Egger Worte in den Mund bzw. Gedanken in den Kopf, die man bei einem Mann wie ihm, ganz ehrlich gesagt, einfach nicht erwartet. Die poetische, ja schon zarte Sprache, mit der die Geschichte geschildert wird, steht im krassen Gegensatz zur rauen Bergwelt, der recht grob geschilderten Handlung und dem äußerlich harten Egger und passt in ihrer Klarheit und Einfachkeit trotzdem perfekt in die Gesamtheit des Romans. Wunderschöne Vergleiche, wohlklingende Zitate und ganze Passagen, die ich mir am liebsten gerahmt an die Wand hängen möchte (vielleicht mache ich das auch) wurden von mir wie wahnsinnig in dem schmalen Bändchen markiert. Einige Auszüge:

„Manchmal, in lauen Sommernächten, breitet er irgendwo auf einer frisch gemähten Wiese eine Decke aus, legte sich auf den Rücken und blickte zum Sternenhimmel hinauf. Dann dachte er an seine Zukunft, die sich so unendlich weit vor ihm ausbreitete, gerade weil er nichts von ihr erwartete. Und manchmal, wenn er lange genug so dalag, hatte er das Gefühl, die Erde unter seinem Rücken würde sich ganz sachte heben und senken, und in diesen Momenten wusste er, dass die Berge atmeten.“ (S. 30 f.)

„Narben sind wie Jahre, meinte er, da kommt einies zum anderen und alles zusammen macht erst einen Menschen aus.“ (S. 36)

„Am liebsten hätte er seine Liebe in den Berg hineingeschrieben, riesengroß und sichtbar für jedermann im Tal.“ (S. 43)

„Es war, als ob in diesen pechschwarzen kaukasischen Winternächten, in denen am Horizont die Bergkämme die Geschützfeuer wie leuchtende Blumen erblühten und ihren Widerschein auf die angstvollen oder verzweifelten oder abgestumpften Gesichter der Soldaten legten, jeder Gedanke an Sinn oder Unsinn schon im Keim erstickt wurde.“ (S. 85)

„Er hörte sein eigenes Herz. Und er lauschte der Stille, als es zu schlagen aufhörte. Geduldig wartete er auf den nächsten Herzschlag. Und als keine mehr kam, ließ er los und starb.“ (S. 148 f.)

„Ein ganzes Leben“ ist ein kurzes Buch von nur knapp 160 Seiten – aber diese Seiten haben es in sich. Ich habe jede einzelne davon genossen. Seethaler ist definitiv ein Autor, von dem ich mehr lesen muss – „Der Trafikant“ liegt schon bereit.

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