„Phantome“ von Robert Prosser

Phantome von Robert Prosser

Dass ich Fan von den Büchern aus dem Hause Ullstein Fünf bin, dürfte seit diesem Blogbeitrag zum ersten Programm kein Geheimnis mehr sein. Im September und Oktober erscheinen nun die ersten Titel des zweiten Programms und einer davon war schon vor Erscheinen ein voller Erfolg: „Phantome“ von Robert Prosser hat es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017 geschafft. Für die Shortlist hat es dann nicht ganz gereicht, den Roman habe ich dennoch mit viel Vorfreude gelesen. Das Thema des Romans: der Bosnienkrieg.

Die knapp 330 Seiten von „Phantome“ sind inhaltlich in drei Teile gegliedert: Der erste Teil spielt im Jahr 2015, der zweite und längste 1992 und der dritte dann wieder 2015.

Der dritte Teil: Wien und Bosnien, 2015

Phantome von Robert Prosser

Der erste Teil erzählt von Sara, deren Mutter Anisa während des Bosnienkriegs nach Wien geflüchtet ist, und deren namenlosen Freund, Graffiti-Künstler und Untergrund-Gänger, aus dessen Sicht der Leser die Geschichte erfährt. Von der Wiener Graffiti-Szene geht es nach Bosnien, in die Heimat von Saras Eltern. Die beiden Jugendlichen tauchen unerwartet ein in die noch immer spürbaren Folgen des Kriegs, die Geschichten und Phantome jener Zeit und in die intensiven Gefühle rund um die Gedenkfeier zum 20. Jahrestag des Massakers von Srebrenica. Die Zeilen sind kraftvoll und schnell, zu schnell vielleicht.

Man kommt hier leicht zu dem Schluss, dass der Autor seine eigenen Erfahrungen und die ersten Berührungspunkte mit dem Schicksal der Vertriebenen stark einfließen lässt. Robert Prosser hat für den Roman viele Interviews in Wien mit Betroffenen geführt und ist über Kontakte auch für Gespräche und intensive Eindrücke nach Bosnien gefahren. Die unsicheren ersten Schritte im Thema sind nicht nur die des Erzählers, sondern auch die von vielen Menschen in Westeuropa, die den Bosnienkrieg nicht wirklich auf dem Schirm haben. Bosnienkrieg? Jugoslawienkrige? Balkankonflikt? Bücher helfen!

Der zweite Teil: Bosnien, 1992

Im zweiten Teil begleitet der Leser die bosnische Anisa und den Serben Jovan, ihre ersten großen Liebe, durch die Zeit des Krieges. Räumlich sind die beiden Liebenden getrennt, emotional besteht die Verbindung fort. Episodenartig werden Anekdoten, Begegnungen und Gefühle wiedergegeben, sprunghaft in Zeit und Raum vom Krieg, der Flucht, der Entmenschlichung, dem Grauen der Schlacht und dem Ankommen berichtet. Zwei Schicksale, die exemplarisch für so viele Betroffene des Krieges stehen und die sehr intensiv geschildert werden. Man erhält als Leser den Hauch eines Eindrucks, wie die Umstände und alltäglichen Begebenheiten als Soldat im Kriegsgebiet und als Vertriebene in der Sammelunterkunft in Wien waren  ohne, dass die Romanhandlung dabei zu kurz kommt.

Der dritte Teil: Wien, 2015

Phantome von Robert Prosser

Der dritte und kürzeste Teil löst auf, was mit Jovan nach dem Krieg geschieht. Wie ging es weiter für ihn, was passierte nach den letzten Zeilen im zweiten Teil? Was geschah nach dem Töten, der Angst und dem Schrecken?

Dennoch: Am Ende bleiben viele Fragen offen, lose Fäden werden nicht zusammengeführt, was kommt ist ungewiss. Sara und ihr Freund und auch Anisa als Mutter in den 2000ern bleiben Phantome. Prosser erzählt insgesamt sehr sprunghaft, abgehakt, springt in Zeit, Raum und Kontext. Der Fokus ging mir dabei in Teilen zu sehr verloren. Vor allem im ersten Teil tun sich durch die Graffiti-Szenen Fragen auf, die im restlichen Buch kaum eine Rolle spielen. Die Figuren blieben für mich undurchdringlich. Ähnlich ist es im dritten Teil, der noch einmal ein neues Fass aufmacht und der auch der Beginn eines ganz anderen Romans sein könnte. Ganz anders jedoch verhält es sich im zweiten Teil, bei dem ich Anisa und Jovan bestens zu kennen glaubte, die Geschichte mit angehaltenem Atem verfolgt und förmlich durch die Seiten geflogen bin.

„Phantome“ war für mich ein nicht ganz einfaches Leseerlebnis. Auf einen schweren Einstieg folgten intensive Lesestunden, um dann mit den letzten 50 Seiten eher verwirrt zurückgelassen zu werden. Aber: Ich bin froh es gelesen zu haben, denn solche Bücher bringen Geschichte und Schicksale zurück ins Bewusstsein der Menschen. Sie eröffnen Gespräche und Diskussionen, stoßen Gedanken und weitere Nachforschungen an und auch das ist eine Eigenschaft, die ein gutes Buch ausmacht.

 

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